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Guy Savoy, Paris

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Verfasst am: 19. 11. 09 [12:07]
cynara
Themenersteller
Dabei seit: 04.12.2006
Beiträge: 142
Guy Savoy gehört leider zu den Häusern, bei denen meine finanzielle Schmerzgrenze überschritten wird. Ich habe deshalb zunächst auch mit meinem Gewissen gerungen, ob ich überhaupt ein Angebot annehmen darf, das eigentlich als Werbung gedacht ist und Gäste für den „normalen“ Restaurantbetrieb rekrutieren will. Die Aussicht auf ein Essen, das ich sonst eher nie hätte kosten können, hat alle Skrupel überlagert. So fanden wir uns also zu einem 3-Gang Menü mit freier Wahl aus der Speisekarte für rund 100 EUR /Person ein.

Essen:
1. Amuses
Es gibt kein großes Chi Chi, keine Amuseparade, auch nicht für Tische, die enormen Umsatz machen: auf einem Spieß zwei kleine Würfel, leicht geröstetes Bauernbrot mit Gänseleber bestrichen und anschließend ein Tässchen mit guter Möhren-Kürbissuppe und einem Croustillant aus Filoteig und einer Füllung, deren Bestandteile ich nicht eindeutig erschmecken konnte. Auf dem Brotteller fristete ein Mini-Parisienne mit äußerst dunklen Spitzen sein Dasein. Zwei Sorten beste Butter, Pfeffer und Salz standen in kunstvollen Glastürmchen bereit.

2. Entrée
Ich hatte Schwarzwurzeln und Nüsse in Rohmilchbutter confiert mit einer Kressesauce ausgewählt. Der Eigengeschmack aller Produkte war betörend, die Portion sehr übersichtlich (5 Haselnüsse, ca. 12 Schwarzwurzelstäbchen und satt grüner Kressecrèmespiegel). Hätte ich den normalen Preis für diesen Gang zahlen müssen, wäre meine Laune wahrscheinlich leicht eingeknickt.
Mein Mann genoss zwei stattliche Scheiben einer Terrine, die aus Gänseleber, Artischocken und Geflügelpastete geschichtet war, begleitet von einer leicht säuerlichen Trüffelmayonnaise. Sehr gut.
Zu jedem einzelnen Gericht gibt es eine speziell passende, vorbestimmte Brotsorte; die Scheiben werden von teilweise wunderschön verzierten Laiben, die auf dem Brotwagen Platz finden, abgeschnitten.

3. Hauptgang
Es gab Lamm (und es war wirklich ein sehr junges, schäm) in drei Zubereitungsarten: kleine Koteletts, eine Scheibe einer Art Roulade und ein Schmorstück. Dazu ein wenig Kichererbsenpüree und in der Mitte des Teller in der dazu passenden Vertiefung eine Kugel aus winzigsten Blumenkohlkügelchen bestehend. Ich erinnere mich nicht, jemals besseres Lamm gegessen zu haben. Es war übrigens bewusst nicht gesalzen, so dass ich selbst genau die Menge austarieren konnte, die ich wollte. Mein Mann war nicht viel weniger von der gebratenen Entenleber begeistert. Unser netter Betreuer ließ mich auch mitriechen, als er die Pergamenthülle, in der Leber und Radieschen nach dem braten eine Liaison eingehen konnten, öffnete. Man sollte sich nicht vorstellen, dass Radieschen und resche Radieschenblätter so gut schmecken können.

4. Dessert
Ich kann zwar ohne leben, ließ mich dann aber zu einem Grapefruit-Dessert überreden. Das kam als Terrine mit Stücken in Saftgelee daher, dazu eine Sauce von Saft und Tee. Wohlschmeckend und erfrischend. Eine Offenbarung war das Kokos-Thema: Ein Glas mit drei Schichten: Tapioka in Kokosmilch gegart, Kokosraspeln und Kokosgranté. Ich durfte einmal probieren und musste anschließend meinen Löffel mit aller Kraft festhalten, damit er nicht wieder eintauchte. Der frische, von Zucker unverdorbene Geschmack beamte einen geradewegs auf eine Südseeinsel. Mit dem Dessert wurden kleine Süßigkeiten gereicht, ich habe mir die Einzelheiten aber nicht gemerkt, weil ich sie (großzügig wie ich nun mal bin) meinem Mann wegen des Kokosraubes überlassen habe. Ein Nebentisch hatte die überbordende Auswahl des Dessertwagens gewählt und unser guter Geist des Mittags wollte ihn nicht wegschieben, ohne uns alles der Reihe nach anzubieten. Wären kleine Lammkoteletts dabei gewesen, hätte ich nicht widerstanden.

Service:
Grandios! Jeder Tisch hatte eine Art persönlichen Maître, der sich zu Beginn auch mit Namen vorstellte. Alle Mitarbeiter waren fürsorglich, strahlend und kompetent. Wir hatten nie das Gefühl auch nur einen Tick schlechter behandelt zu werden als der Nachbartisch, der bestimmt vielfachen Umsatz brachte. Der Sommelier trug mit seiner Weinauswahl zwar zur deutlichen Rechnungssteigerung bei, lotete aber unsere Schmerzgrenze sehr gut aus und wir waren glücklich mit den gereichten, im übrigen gut ausgeschenkten, Getränken. Unser Hund wurde nicht vergessen und bekam sogar ein Tellerchen mit meinen übrigen Knochen, nachdem gefragt wurde, ob wir nichts dagegen haben. Monsieur Savoy machte Honneurs und man hatte das Gefühl, dass er sich wirklich freut, wenn es einem schmeckt.

Fazit:
Beeindruckt hat mich vor allem die „Einfachheit“ des Küchenstils. Man muss schon verdammt gut kochen können und einwandfreie Ware nehmen, wenn man nur zwei oder drei Produkte auf den Teller bringt. Da lenkt wenig von Fehlern ab oder überdeckt sie. Wir sind nun tatsächlich versucht bei unserem nächsten Besuch das reguläre Menü zu essen und dafür beim Wein zurückhaltender zu sein.
Verfasst am: 19. 11. 09 [12:16]
Dr.Kimble
Dabei seit: 21.05.2007
Beiträge: 1257
@cynara
Danke für den interessanten Bericht, der sicher auch den einen oder anderen Parisreisenden hier zu einem Besuch animieren wird.

Ich war erstaunt über die Hundegeschichte, denn in vielen Lokalen sind Vierbeiner ja eher nicht gerne gesehen.
Verfasst am: 19. 11. 09 [12:42]
cynara
Themenersteller
Dabei seit: 04.12.2006
Beiträge: 142
Dr.Kimble schrieb:

Ich war erstaunt über die Hundegeschichte, denn in vielen Lokalen sind Vierbeiner ja eher nicht gerne gesehen.

Ich möchte keine Hundediskussion eröffnen, aber in Frankreich sind Kinder und Hunde (man verzeihe mir die Konjunktion) gern gesehene Gäste. Grüße Cynara.
Verfasst am: 19. 11. 09 [14:09]
glauer
Moderator
Dabei seit: 14.12.2006
Beiträge: 329
cynara schrieb:

. Ich habe deshalb zunächst auch mit meinem Gewissen gerungen, ob ich überhaupt ein Angebot annehmen darf, das eigentlich als Werbung gedacht ist und Gäste für den „normalen“ Restaurantbetrieb rekrutieren will. Die Aussicht auf ein Essen, das ich sonst eher nie hätte kosten können, hat alle Skrupel überlagert.


Liebe Cynara.
es freut mich, dass Sie Ihre Skrupel ueberwunden haben, toll dass es dann auch noch ein schoenes Erlebnis war.
Noch toller waere es, wenn Sie beim naechsten Mal gar keine Skrupel mehr haetten. Angebote sind dazu da, angenommen zu werden. Sie muessen sich doch ueberhaupt keine Gedanken machen ob Sie damit den Absichten des Restaurants zuwiderhandeln. Und wie Ihr Beispiel perfekt zeigt, wissen die Restaurants schon was Sie tun, offensichtlich haengen Sie ja nun doch am Haken...
Verfasst am: 19. 11. 09 [15:47]
Taillevent
Dabei seit: 04.12.2006
Beiträge: 303
Vielen Dank für den Bericht. Ich war vor ein paar Jahren dort und habe es genauso in Erinnerung, konservative Küche auf beeindruckendem Niveau, dazu ein Wohlfühl-Service. Es hat sich nichts geändert, dazu besteht auch kein Anlass. Ihr Fazit finde ich sehr treffend.
Eine sehr nette Geste dieses Hauses finde ich, dass ich seit meinem Besuch immer zu Weihnachten ein Karte bekomme. Ich freue mich jedesmal.
Ich muss wohl wieder einmal hin, sonst ist Schluss mit den Weihnachtskarten icon_lol.gif
Verfasst am: 19. 11. 09 [20:38]
schlaraffenland
Dabei seit: 21.01.2007
Beiträge: 282
Ich muß gestehen, verehrte cynara, dass das genau die Art der Berichte ist, die ich am allerliebsten lese. Detailliert ohne Detailversessenheit, gekonnt in den Formulierungen ... genug, einfach gelungen.
Und sofort erinnerten wir uns an diese Brotvielfalt, unseren Wohlfühlbeauftragten, den Dessertwagen mit seinen goldenen Tiegeln, wie aus tausendundeiner Nacht und wie wir das Lokal bestgelaunt verlassen haben und die unfaßbar hübsche Toilettenmamsell, die in äußerster Diskretion die ihr unterstellten Räumlichkeiten nach jeder Benutzung sofort wieder in einen Zustand brachte, wie man ihn sich nur wünschen mag und dass man uns auch sofort das Gefühl gab, nicht Gäste zweiter Klasse zu sein. Genau, die Weihnachtspost bekommen wir auch noch.
Wir fanden damals, dass G.Savoy auf einem Niveau arbeitet, wo man die Lust verliert, an irgendetwas herumkritteln zu wollen; beinahe, wie bei einer Bachpartita von Oistrach. Dazu passt dann auch der souveräne Umgang mit Ihrem Hund, den ich mir allerdings auch als überaus wohlerzogen und an gutem Geschmack interessiert vorstelle; so gar nicht zu " que chiens, chats n'aiment pas l'nougat même même celui d'Montélimar " passend.
Gruß s.