|
Werbung
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
ALTES FORUM
La vie in Osnabrück
| Autor |
Nachricht |
|
Verfasst am: 30. 03. 09 [14:31]
|
|
Daurade
Themenersteller
Dabei seit: 11.12.2006
Beiträge: 429
|
„La vie“ - gradus ad parnassum
Es liegt nicht im Köln-Düsseldorfer Ballungsraum, nicht in der Haupstadt, nicht im Schwarzwald und ist auch kein Reiseziel der VW-Abholer. Das „la vie“ im beschaulichen und unaufgeregten Osnabrück steht vielleicht gerade deshalb nicht unbedingt im Mittelpunkt der Diskussionen. Uns hat Thomas Bühners Kochkunst aber schon länger interessiert und so machten wir uns per IC dorthin auf den Weg. Das Restaurant befindet sich im Erdgeschoss und im ersten Stockwerk des Hauses „Tenge“ von 1813/14, gleich neben dem Rathaus, von dessen Treppe einst der Westfälische Friede verkündet wurde. Der Livrierte vor dem Eingang – so wie er auf einem Foto der website gezeigt wird - machte uns ein wenig skeptisch. Adlon in Osnabrück? Na, so schlimm war es nicht, er stand nicht davor sondern wartete im Haus, es ist bei dem ebenerdigen Zugang in der Fußgängerzone wahrscheinlich auch nötig, jemanden zu haben, der danach schaut, dass nicht ständig „Laufkundschaft“ neugierig hereinschaut. Jedenfalls war der Empfang dann überaus freundlich und ungekünstelt. Der Hauptraum ist relativ klein und hat um die sechs Tische, die Ausstattung ist sachlich, ausgewogen, frei von Plüsch und äußerst angenehm. Wir bestellten das große Degustationsmenü und harrten gespannt der Dinge, die da kamen. Gespannt deshalb, weil wir vor Monatsfrist in Wolfsburg einigermaßen enttäuscht wurden und ins Grübeln geraten waren. Der erste kleinen Test fand einen positiven Ausgang, denn der von uns geliebte Rieslingsekt wurde (im Gegensatz zum Aqua) gewährt und das in einer sehr guten Qualität. Nach vier amuses (auf kleinen Silberschalen von der Größe einer Austernschale serviert) hatten wir dann diese Gänge:
Kartoffelschaum mit Kürbis-Curryeis
Tomatenwolke
Gaspacho von Rote Bete mit Safran-Aal und Caviar d’Aquitaine
Cabernet-Sauvignon-Essigeis
Seezungenfilet und Gänsestopfleber mit confierten Perlzwiebeln
Karamellisiertes Wachtelei mit Ingwer
Coquille Saint Jacques und Gillardeau Auster mit Staudensellerie und Litschi
Caipirinha von Erbsen mit Limette
Geschmorte Milchlammschulter mit Misocrème
Gemüsemüsli
Morchelrisotto als Lasagne mit US-Ribeye
Parmesancroustillant
Kleines Raclette von Saint Nectaire
Schokoladennougat mit Passionsfrucht
Rhabarber in unterschiedlichen Zubereitungen
Petits Fours
Thomas Bühner zeigte sich von einer geradezu überbordenden Kochfreude, er scheint -gegründet auf ein enormes fachliches Wissen - die wunderbare Fähigkeit zu haben, „aus dem Bauch“ kochen zu können. Bei ihm schmeckt es einfach unwahrscheinlich gut und bei all den vielfältigen Eindrücken bleibt trotzdem jederzeit die Balance der Aromenspannung gewahrt. Das zeigte sich auch, als wir ganz kurz befürchten mussten, dass das präludierende Kürbis-Curryeis in seiner kompromisslosen asiatischen Aromatik (vulgo sauscharf) dem von uns gewählten Tyrell-2003er den Garaus machen würde. Aber mit ein wenig Joghurt konnten die Geschmacksnerven tatsächlich soweit beruhigt werden, dass der Wein mit dem nachfolgenden überragenden Gaspacho eine traumhafte marriage einging. Unserer Begeisterung taten kleine Imperfektionen keinen Abbruch, trotzdem seien sie hier genannt, weil es nicht um Lobhudelei sondern um den kurzen Bericht zweier von der Küchenleistung begeisterter Gäste gehen soll. Konsequent wiesen wir wie immer darauf hin, dass wir auf Stopfleber verzichten möchten. Natürlich wollten wir wissen, ob das dem Gang mit der Seezunge keinen kompositorischen Abbruch täte. Das wurde verneint. Gut, hinterher kam der Gang doch irgendwie auf einem Bein daher. Sowohl Seezunge als auch Jakobsmuschel war für unsre Empfinden einen Tick übergart, das war natürlich kein Einbruch auf der geschmacklichen Seite, lediglich haptisch hätte man sich etwas mehr Herzhaftigkeit gewünscht. Die präludierenden kleinen Zwischengänge sind oben in kleiner Schrift dargestellt. Eine solche Einstimmung auf den kommenden Gang erwies sich als eine wunderbare Idee. Einerseits wurden wir so mit immer neuen Geschmachseindrücken beschenkt, andererseits war die behutsame Einführung in die jeweils neue Ebene mehr als angenehm. Auch hier eine kleinen Ausnahme: Das Cabernet-Sauvignon-Essigeis half uns so wenig wie das nach meiner Meinung deplazierte Aqua-Sorbet.
Das sind kleine Dinge am Rande, insgesamt erlebten wir einen Abend von seltener Stringenz und Harmonie. Nicht unerheblich trug dazu der wohltuend entspannte Service mit dem sehr freundlichen Sommelier Sven Oetzel. Beeindruckt hat uns die zurückhaltend-charmante und dabei höchst aufmerksame Thayarni Kanagaratnam, die das Restaurant so gar nicht in der Art schauspielender „Maîtres“ leitet, sondern mit Natürlichkeit überzeugt. Hier schließt sich der Kreis mit den Küchenleistungen. Ein beglückender Abend, ein Erlebnis, das die Frage nach Bewertungen publizierter Meinungen unerheblich werden lässt. Kurz: gradus ad parnassum.
beste Grüße
Daurade
|
|
Verfasst am: 30. 03. 09 [15:30]
|
|
alex11
Dabei seit: 04.12.2006
Beiträge: 135
|
vielen dank für den ausführlichen und interessanten bericht
k.g. alex
|
|
Verfasst am: 30. 03. 09 [18:19]
|
|
schlaraffenland
Dabei seit: 21.01.2007
Beiträge: 282
|
Liebe daurade, Ihren Bericht über Th.Bühner habe ich sehr gerne gelesen ( wobei ich von Ihnen sicher auch gerne lesen würde, wie Sie einmal Pommes weiß/rot gegessen haben).
Allerdings haben Sie die Weinbegleitung nur sehr knapp abgehandelt. Gab's außer dem Ruwer noch etwas anderes? Für eine etwas detailliertere Beschreibung - sozusagen punctus contra punctum - wäre ich Ihnen dankbar
Gruß s.
|
|
Verfasst am: 30. 03. 09 [19:55]
|
|
fragolini
Dabei seit: 09.12.2006
Beiträge: 212
|
Sehr schöner und informativer Bericht.
Gruß!
|
|
Verfasst am: 30. 03. 09 [20:24]
|
|
ifs2008
Dabei seit: 17.04.2007
Beiträge: 659
|
Danke Daurade, das spiegelt meine Empfiindungen vom Dezember wieder, jedoch sind die "Kleinigkeiten" repetitiv und anscheinend universell einsetzbar...
Nur, wie kommen Sie gerade bei einem Koch wie Bühner drauf, dass er "aus dem Bauch heraus kocht"??
MODERATOR: bitte diesen neuen Thread unbedingt mit dem bisherigen verschmelzen, dann kann man eine Historie/Entwicklung sehen... DANKE
|
|
Verfasst am: 30. 03. 09 [21:05]
|
|
Daurade
Themenersteller
Dabei seit: 11.12.2006
Beiträge: 429
|
@die Leser: in Zeile 1 muss es heißen: "ist auch kein Reiseziel" (leider konnte ich die Bearbeitungsfunktion nicht finden)
@ifs2008: nennen wir es Intuition, nennen wir es den Funken Genialität, nennen wir es das "je ne sais quoi", gemeint ist all das, was bei aller intelektuellen Durchdringung der Materie den Zauber, hier den besonders intensiven Geschmack ausmacht.
@Schlaraffenland: bis zur Milchlammschulter blieb es bei der trockenen Auslese vom Karthäuserhof, der in allen Facetten den Gängen gerecht wurde. Schön, dass sie im Jargon geblieben sind und die Beantwortung punctus contra punctum wollten. Der Wein harmonierte sozusagen im doppelten Kontrapunkt und in der Umkehrung. Weniger kunstvoll, nämlich als Melodie mit (Weinbegleitung) fiel der Pinot Noir 2003 von Achs aus dem Burgenland aus. Entgegen unserer Gewohnheit ließen wir uns dazu verleiten, weil alles so nett war. Uns erschien der Österreicher auf Dauer zu eindimensional. Aber es war in Ordnung. Eben kein Kontrapunkt sondern eine nette harmonische Begleitung.
Beste Grüße
Daurade
[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 30.03.2009 um 21:06.]
|
|
Verfasst am: 30. 03. 09 [21:17]
|
|
brigante
Dabei seit: 04.12.2006
Beiträge: 856
|
@ifs: dass mit dem "verschmelzen" zweier threads zum selben thema können wir mods leider nicht.
@Daurade: Danke, Ihr bericht macht lust aufs La Vie. Mir scheinen die "einstimmungen" allerdings auch recht beliebig einsetzbar zu sein - wir waren vor 2 jahren dort und hatten einige identische, bei völlig anderen gerichten
Mir behagt dieses konzept ohnehin nicht so sehr. Irgendwann setzte bei uns ein sensorischer overkill ein.
gruß
b.
|
|
Verfasst am: 24. 09. 09 [00:48]
|
|
qwertz
Dabei seit: 05.09.2008
Beiträge: 67
|
Guten Abend,
Ich finde, es wird mal wieder Zeit, einen Blick auf das La Vie zu werfen. Ich war vor einigen Wochen Osnabrück und habe das erste Mal das La Vie besucht. Um es vorweg zu nehmen, es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein.
Im Einzelnen gab es:
Creme von der Gänsestopfleber mit Zitronengratinée und Ruccola mit einen Madeira
Ich muss sagen, ich bin kein großer Gänseleberfan, vor allem, wenn ein starkes Gegengewicht fehlt. Das war mit dem Zitronengratinée glücklicherweise gegeben. Für meinen Geschmack hätte für die Menge Gänselebercéme ruhig mehr Gratinée auf dem Teller sein können, denn dessen Säure verlieh der Créme eine schöne Leichtigkeit, so wie es mir gefällt, aber es war eben zu schnell aufgegessen. Neben dem Säureeffekt pufferte das Gratinee auch das üppige, weiche Mundgefühl der Creme schön ab.
Kartoffelchip mit marinierter Sardelle - ein eher schwaches Zwischen-häppchen, vor allem durch einen gewissen Fettgeschmack.
Marinierter Saint Pierre mit Kapern, Limone und Schnittlauchöl mit einem Silvanter Spätlese aus Rheinhessen
Ein sehr schönes Gericht. Das Marinade-Aroma des Fischs harmonierte sehr gut mit den Kapern und den Limonestückchen, da es entsprechend kräftig war. Etwas Kartoffel war auch dabei - passte wunderbar, ein klassisches Geschmacksbild, aber sehr fein. Der Wein harmonierte mit dem Gericht sehr gut - so lange man keine Limone im Mund hatte, da kamen dann leichte Bitteraromen zum Vorschein - also leichte Abzüge in der B-Note.
Das nächste Häppchen, gebackener Forellenkaviar, hat bei mir keine bleibende Erinnerung hinterlassen.
Umso mehr dann der nächste Fischgang:
Glasierte Langustine mit Blumenkohl, Algen und Raucharome
Das Glashäubchen unter dem Aroma gefangen war, wurde am Tisch gelüftet - netter Effekt am eigenen Tisch, da das Arome in der Luft bleibt und wunderbar zu diesem Gang passt (etwas ungünstig aber, dass ich etwa einen Gang weiter war, als der Nachbartisch und bei meinem nächsten Gang auch nocheinaml das Räucheraroma riechen durfte). Ganz wunderbare Kombination: Das Räucheraroma, die Langustine und der Blumenkohl bildeten eine perfekte Harmonie. Eine kleine Einschränkung gab es für mich: der Blumenkohl wurde auch in einer leicht pulvrigen, offenbar getrockneten Konsistenz gereicht. Aromatisch sehr schön, aber von Mundgefühl her war mir das zu trocken-bröselig auf der Zunge. Super aber die Kombination zu dem mineralischem Wein, einem Verdelho.
Dann kamen gleich zwei Zwischenhäppchen (Sangria mit Passionsfrucht - sehr aromatisch, lecker) und der Höhepunkt der kleinen Gerichte: Gemüsemüsli mit Petersilienwurzelmilch. Einfach toll, das intensive Aroma des getrockneten Gemüses, knackig, voll und intensiv im Geschmack.
Lamm von "vorn bis hinten" mit Misocreme
bestand aus kleinen Häppchen von Nacken, Schulter, Rücken und Schwanz des Lamms. Sehr schöne Idee, die unterschiedlichen Aromatiken des Lamms zu zeigen. Von der Anordnung her isst man intuitiv von vorn nach hinten. Ich hatte aber den Eindruck, dass war nicht die beste Reihenfolge. Ich meine, ich hätte mir den Rücken für den Schluß aufbewahren sollen. Der Schwanz war zwar sehr schön, aromatisch war der Rücken für mich der Höhepunkt, aber ich habe ihn eben schon vorher verputzt - na ja...
Filet vom Rehbockrücken mit Kohlrabi und Apfel in Sezchuan-Pfefferjus
war für mich leider der schwächste Gang. Liegt vielleicht daran, dass ich mich schon langsam dem Ende meiner Aromen-Aufnahmekapzität genähert habe. Für mich ein unauffälliger Teller, ohne Stärken und Schwächen.
Das Dessert konnte dann wieder mehr als überzeugen: Marinierte Kirschtomaten mit Himbeerkrokant und Olivenölsorbet
Ersteinmal finde ich die Idee toll, da ich mich in diesem Sommer ein bisschen mit verschiedenen Tomatensorten befasst habe, bin ich für die verschiedenen Aromatiken sehr aufgeschlossen. Einen gewissen Kick gab das Himbeerkrokant mit seiner leichten "Brause"-Anmutung auf der Zunge (Prickel...) Ein Top-Dessert, dramturgisch hätte ich mir aber etwas mehr Süße am Schluß gewünscht. So habe ich mich, so wie selten auf die Pralinen zum Espresse gefreut...
Also: ein rundum gelungenes Menü, mit ein, zwei Aha-Effekten für mich.
Eine Anmerkung bleibt noch: ich hätte mich über etwas ausführlichere Informationen zu den Weinen gefreut. Eigentlich wurde vom Service nicht viel mehr gesagt, als der Name und der Jahrgang. Da wären doch ein paar Worte zum Winzer, Jahrgang, Region usw. wünschenswert gewesen.
|
|
Verfasst am: 27. 09. 09 [14:49]
|
|
sphérico
Dabei seit: 04.12.2006
Beiträge: 481
|
Werter QWERTZ,
haben Sie Dank für den schönen Bericht. Leider ist Osnabrück nicht meine topfrequentierte Ecke, nun werden wir aber sicher, wenn mal in der Nähe, das La vie besuchen.
Grüsse, S.
|
|
Verfasst am: 21. 10. 09 [21:12]
|
|
Seegras
Dabei seit: 18.09.2009
Beiträge: 26
|
Servus
Was kostet denn das Degustations Menü im Moment im La vie??
Ich habe für Anfang Nov. ein Tisch reserviert, und hoffe das es ein toller Abend wird.
[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 21.10.2009 um 21:13.]
|
|
|