Podcast
Interview mit Sarah Hallmann
Der sanfte Schliff von Neukölln: Wie Sarah Hallmann die Sterneküche vermenschlicht
(20.09.2026) - Wer an die Berliner Spitzengastronomie denkt, hat oft die lauten, inszenierten Konzepte vor Augen. Doch im tiefsten Neukölln, abseits des grellen Rampenlichts, existiert ein Ort, der die Gesetze des klassischen Fine Dining auf eine leise, zutiefst emotionale Art neu interpretiert. Das „Hallmann & Klee“ von Inhaberin und Küchenchefin Sarah Hallmann feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Doch wer das Restaurant heute betritt, blickt auf das Ergebnis einer organischen Metamorphose: Begonnen hat hier nämlich alles nicht mit komplexen Abendmenüs, sondern mit pochierten Eiern und Pancakes.
Vom Frühstücksraum zur kulinarischen Avantgarde
Nach ihrer Ausbildung im Berliner Zwei-Sterne-Restaurant Facil und weiteren Stationen in der klassischen Sternegastronomie spürte Sarah Hallmann früh eine fundamentale Diskrepanz. „Ich habe mich irgendwie nicht so ausgewogen wohlgefühlt in diesem Ambiente Fine Dining, was es damals war. Das war mir immer ein bisschen zu steif“, erinnert sie sich im Gespräch. Getrieben von dem Wunsch, einen lebendigen, unkomplizierten Ort der Begegnung zu schaffen, eröffnete sie ihr eigenes Lokal – als anspruchsvolles Frühstücksrestaurant, obwohl sie selbst morgens eigentlich nur einen schwarzen Kaffee braucht.
Es folgte eine Entwicklung, die Hallmann als „völlig organisch“ beschreibt. Mit den Jahren wuchs nicht nur ihre eigene Reife, sondern auch das kulinarische Profil des Hauses. Auf den nachmittäglichen Bistro-Style folgten die ersten reduzierten Abendmenüs vor der Pandemie. Der finale, radikale Schnitt kam nach den langen Lockdowns und ihrer eigenen Mutterschaft: Die Karte flog komplett raus, fortan gab es nur noch ein reines Sechs-Gänge-Menü. Die visuelle Kulisse in Neukölln blieb dabei fast unverändert, doch der inhaltliche Anspruch war in der absoluten Spitzenklasse angekommen.
Die Haptik des Raums und die Klarheit auf dem Teller
Die Ästhetik des „Hallmann & Klee“ spiegelt die Philosophie der Küche eins zu eins wider: Schlicht, aufs Wesentliche reduziert, aber getragen von einer tiefen, einladenden Wärme. Für Hallmann ist das Restaurant ein unteilbares Gesamterlebnis, das aus einem einzigen Guss geformt sein muss. Diese Haltung manifestiert sich in einer ausgeprägten Liebe zu echten, fühlbaren Materialien. Der Tresen ist aus Beton gegossen, aber mit Carnaubawachs so weich poliert, dass er sich anfühlt wie ein warmer Speckstein. Selbst die Messerbänkchen haben eine Geschichte: Es sind handgesammelte Steine von den Stränden Korsikas, auf denen die Küchenchefin aufgewachsen ist. „Ich brauche das Hallmann und Klee, damit das Essen, so wie ich das mache, zur Wirkung kommt“, betont sie.
Auf den puristischen Holztellern übersetzt sich diese Klarheit in eine kompromisslose Aromen-Präzision. Die Gerichte sind nicht verkopft, sondern fokussiert. Als Einstieg dient eine Ikejime-Forelle aus Kärnten in unübertrefflicher Produktqualität, kombiniert mit zartem Yorkshire-Rhabarber, der unter Tonkuppeln fast faserfrei heranwächst. Zusammengehalten werden die Komponenten von einem intensiv reduzierten Rhabarbersaft, abgerundet durch eine komplexe, hauseigene Waldmeister-Ponzu auf Basis von Waldmeister-Essig aus dem Vorjahr, Tamari und hellem Dashi. Es entsteht ein duftiges, leichtes Frühlingsgericht, das wie klare Luft am Frühlingsmorgen an einem Bach schmeckt.
Das ewige Signature-Dish und die Kraft des Hinterfragens
Obwohl die Küche mit jedem Gericht feiner und filigraner wird, hält Sarah Hallmann seit einer Dekade an einem einzigen, unumstößlichen Fixpunkt fest: ihrem Signature-Gericht aus Kartoffelcreme, Molkeschaum und Liebstöckelöl. Das aus nur drei Komponenten bestehende Gericht ist für sie wie eine „warme Umarmung“ und eine emotionale Brücke in ihre eigene Kindheit auf dem Land. Die Herstellung erfordert absolute Präzision: Die Kartoffeln – idealerweise Bamberger Hörnchen – werden im Mixer so verarbeitet, dass sie eine bewusste, schlotzige Bindung entwickeln, die von der feinen Säure des hauchdünnen Molkeschaums perfekt ausbalanciert wird.
Als sie den Klassiker im vergangenen Jahr wegen mangelnder Kartoffelqualität am Ende der Lagersaison für zwei Wochen von der Karte nahm, rebellierten die Stammgäste. „Es haben sich so viele Menschen beschwert, sie sind extra wegen der Kartoffel hierher gekommen“, erzählt Hallmann schmunzelnd. Die Kartoffel blieb. Sie fungiert im Menüverlauf als bewusstes, beruhigendes Element, bevor die Küche bei Gängen wie der Rotbarbe mit Safran-Bouillabaisse oder dem hochkomplexen Hauptgang aus Wachtelbrust und einer mit geräuchertem Saibling verfeinerten Dashi-Jus das Intensitätslevel massiv nach oben schraubt.
Trotz des großen Erfolgs und des vollbesetzten Hauses ist die Küchenchefin von einer tiefen, kreativen Unruhe getrieben. Sie gibt offen zu, dass sie ihre Arbeit permanent hinterfragt:
„Ich habe ganz lange gebraucht, zu realisieren, dass ich eigentlich ganz okay kochen kann. Und ich stehe heute noch in der Küche und sage: Ja, ich weiß gar nicht, ob ich das kann.“
Diese Fähigkeit zur harten Selbstkritik empfindet sie jedoch nicht als Blockade, sondern als ihren wichtigsten Motor. Es ist der Spiegel des Gastraums, der sie tagtäglich prägt und ihr das Bauchgefühl dafür gibt, ob ein kulinarischer Ansatz stimmt oder nicht.
New Work: Struktur als Stresskiller
Die vielleicht größte Leistung von Sarah Hallmann liegt jedoch in der zukunftsweisenden Organisation ihres Betriebs. Fine Dining und ein anspruchsvolles Menükonzept gelten in der Branche traditionell als unvereinbar mit einem gesunden Familienleben. Als Hallmann während der Pandemie Mutter wurde, justierte sie die Stellschrauben radikal neu. Das Restaurant arbeitet mit einer strikten Vier-Tage-Woche bei vollem Freizeitausgleich für das gesamte, festangestellte Team.
Durch das reine Menü-Konzept gewinnt der Betrieb eine immense Planbarkeit. Der gesamte Einkauf und die Logistik sind mathematisch kalkuliert, was den körperlichen und mentalen Stress der Küchenarbeit drastisch minimiert. „Ich glaube, Menschen, die nur in der Gastro hängen, das kommt gerade im Gastraum nicht gut. Das ist heute nicht mehr zeitgemäß“, stellt Hallmann klar.
Diese entspannte, von Freude getragene Energie überträgt sich spürbar auf den Gastraum. Das Publikum im „Hallmann & Klee“ ist bemerkenswert jung, quirlig und durchmischt – hier sitzen erfahrene Gourmets neben absoluten Fine-Dining-Neulingen und Neuköllner Hipstern. Es entsteht ein lebendiges, unkonventionelles Zusammenkommen, das der Sternegastronomie jegliche elitäre Kälte nimmt. Sarah Hallmann hat bewiesen, dass man auf absolutem Spitzenniveau kochen kann, ohne die eigene Menschlichkeit, das Team oder die Familie auf dem Altar des Erfolgs zu opfern. Ihr Restaurant ist kein elitärer Tempel, sondern ein zutiefst ehrlicher, glücklich machender Ort. (Erstellt mit Unterstützung von KI)
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